Tipps für Zahnärzte zum Umgang mit FreeBite Therapiekissen

1. Zielsetzungen

Folgende Schwerpunkte standen bei der Entwicklung von FreeBite Therapiekissen im Vordergrund:

  • A. Schnelle und effiziente Entlastung von komprimierten Kiefergelenken.
  • B. Effiziente Auflockerung der Kaumuskulatur im Rahmen der CMD-Diagnose oder zur Vorbereitung der Bissnahme bei der CMD.

Kiefergelenke können am effektivsten entlastet werden, wenn der Unterkiefer im Biss möglichst gelenknah abgestützt wird. Entgegen einer verbreiteten Meinung ist eine beidseitige Distraktion der Kiefergelenke durch ein Hypermochlion im Bereich des ersten oder zweiten Molaren mechanisch unmöglich, da der Zugvektor der Elevatoren (M. masseter und M. pterygoideus medialis) hierfür davor ansetzen müsste, was anatomisch aber nicht der Fall ist.  Dennoch werden die Kiefergelenke auch aus mechanischer Sicht umso besser entlastet, je weiter dorsal die Kraft der Elevatoren durch Zähne abgestützt wird.

Bei diesen Betrachtungen wird jedoch die Rolle der Kaumuskulatur bei der Kompression von Kiefergelenken ignoriert. Am Unterkiefer setzen die antagonistischen Elevatoren und Depressoren nicht einander gegenüber an. Vielmehr ziehen die Depressoren den Unterkiefer im Bereich der Symphyse nach schräg retral und kaudal, die Elevatoren jedoch die Kieferwinkel nach schräg superior und anterior. Wenn bei einer Verspannung der Kaumuskulatur diese Antagonisten gegeneinander spannen, so resultiert hier eine kompressive Kraft auf die Kiefergelenke und chronische Verspannungen verursachen chronische Kompression dieser Gelenke.

Meist sind diese chronischen Verspannungen nötig, um posteriore Zähne trotz Infraokklusion in Kontakt zu setzen. Selbst eine minimale Lockerung der Kaumuskulatur durch einige Bewegungen des Unterkiefers ohne Zahnkontakt führt in diesen Fällen oft bereits dazu, dass im Anschluss eine lockere Schließbewegung auf einen Erstkontakt auf den Frontzähnen trifft. Dies löst Reflexe aus, die Muskeln anspannen, welche die Kiefergelenke nach retral und kranial komprimieren, wodurch dieser Erstkontakt vermieden wird und Molaren kontaktieren.

Die Keilform des FreeBite kehrt diesen Reflex nun um, indem sie einen Erstkontakt auf den Molaren sicherstellt, wodurch die beschriebene Reflexkette unterbrochen wird. Statt Bisskissen in vielen Längen und Breiten anzubieten, wie dies z. B. bei Schuhen üblich ist, wird dies beim FreeBite mit einer Größe erreicht, die jedoch nicht fest auf den Zähnen verankert ist, sondern frei verschiebbar aufliegt. Die Form des FreeBites, die aus der Vermessung ungezählter Abdrucklöffel und Patientenmodelle errechnet wurde, ermöglicht so im Zusammenspiel mit seiner Keilform und asymmetrisch geneigten Ober- und Unterseite, dass ihn Patienten mit ganz unterschiedlichen Zahnbogenformen so zurecht schieben können, dass die posterioren Zähne darauf bestmöglich kontaktieren.


2. Umstieg vom Aqualizer®

Aqualizer® kommen nicht selten recht unspezifisch und ohne detaillierte Instruktionen zur Anwendung. FreeBites entfalten durch ihre spezifische Form ihre Wirkung oft wesentlich stärker und schneller, da sie tiefer in Muskelreflexe eingreifen. Daher sind hier besonders am Anfang detaillierte Instruktionen wichtiger, als beim Aqualizer®. Den Unterschieden zwischen Aqualizer® und FreeBite im Detail ist im Bite Blog eine eigene Seite gewidmet. 

Dabei geht es weniger darum, dass FreeBites bereits nach kurzer Tragedauer versagen, weil z. B. eine Schweißnaht aufgeht, denn sie sind relativ robust und haben auch keine Schweißnaht. Eher geht es darum, dass sie durch eben die Formgebung, die ihre Wirksamkeit ausmacht, auch wesentlich stärker auf die Kaumuskulatur einwirken. Chronisch erschöpfte Kaumuskeln könnten diese Wirkung initial u. U. als als anstrengend empfinden, wenn der Einsatz von FreeBites unbedacht erfolgt, vor allem, wenn mit den Zähnen darauf gepresst wird. Daher werden Patienten instruiert, den Unterkiefer initial locker in Bewegung zu halten, indem man leicht mit den Zähnen auf den FreeBite tappt, oder auch leicht darauf kaut, und zwischendurch den Mund auch weit öffnet. Diese lockere Bewegung regt die Zirkulation in den beteiligten Muskeln an und steigert deren Versorgung mit Nähstoffen und Sauerstoff ebenso, wie den Abtransport von sauren Schlacken über die Lymphe. Dieser Effekt kann sehr ausgeprägt sein, wie EMG-Studien gezeigt haben

Gleichzeitig vermeiden die Bewegungen, dass der Patient mit den Zähnen auf den FreeBite presst. Eine solche isometrische Kontraktion würde die verbesserte Zirkulation erneut blockieren und muss daher nach Möglichkeit vermieden werden. Erst wenn das Reflexsystem des Patienten sich an die Keilform gewöhnt hat, können FreeBite Therapiekissen auch über längere Zeiträume getragen werden, z. B. auch während der Nachtruhe, ohne dass der Patient dabei seinen Unterkiefer in Bewegung halten muss. Im Lauf dieser initialen Kaubewegungen kaut sich auch die zunächst manchmal als etwas hart empfundene Hülle ein und wird weicher. 


3. Diagnose von Kiefergelenkskompression bei CMD

Resilienztests zur Diagnose von Kompressionen in den Kiefergelenken lassen deren Fähigkeit außer acht, sich durch Formveränderungen („Remodeling“) an Fehlbelastungen anzupassen. Diagnostisch zuverlässiger ist es, die beteiligte Kaumuskulatur zu lockern und in der Folge auf Veränderungen von Zahnkontakten beim lockeren Schließen des Mundes zu achten. Prinzipiell steht zu erwarten, dass sich Erstkontakte nach anterior verlagern, wenn sich Kompressionen in den Kiefergelenken lösen. 

  • a) FreeBite zwischen die Zähne legen, testweise einmal wenden und so verwenden, wie er sich am angenehmsten an die Zahnreihen anlegt. Der Patient schiebt ihn nach retral, bis die hintersten Seitenzähne links und rechts symmetrisch darauf kontaktieren. Bei besonders ausgeprägtem Würgereiz schiebt man ihn nur soweit zurück, wie es noch vertragen wird, bei kleinen Kiefern legt man den Verbindungsschlauch vor die Schneidezähne, jedoch sollten diese nicht direkt darauf beißen.
  • b) Der Patient kaut fünfmal locker auf den FreeBite, öffnet den Mund weit, schiebt den Unterkiefer nach anterior, kaut dort fünfmal, öffnet wieder, schiebt nach rechts, kaut dort erneut fünfmal und wiederholt dies links und schließlich noch einmal in der Mitte.
  • c) Nach fünf- bis zehnmaliger Wiederholung des unter 2) beschriebenen Zyklus wird bei aufrechter Kopf- und Körperhaltung im Sitzen oder Stehen der FreeBite aus dem Mund genommen und der Patient schließt den Mund locker bis zum ersten Zahnkontakt. 
  • d) Führen mehrere solche Schließbewegungen zum gleichen Erstkontakt zwischen den Zähnen, so wird dessen Lage mit der des Erstkontaktes vor Anwendung des FreeBites verglichen. Oftmals zeigen bereits wenige Minuten mit dem FreeBite eine deutliche Wirkung und es entsteht eine neue Lage des Unterkiefers. Dass sich dabei Verschiebungen aufgelöst haben, erkennt man an einer verbesserten Beweglichkeit, weniger Gelenkgeräuschen und eine Annäherung an den Neutralbiss mit stimmigen dentalen Mittellinien und einer Molarenbeziehung näher an der Klasse 1 nach Angle.
  • e) Nun schließt der Patient kraftlos etwas weiter, sodass er an den Erstkontakten in Richtung seiner habituellen Interkuspidation gleitet. Kann er auf einer oder beiden Seiten keinen Kontakt auf den posterioren Molaren herstellen, ohne dabei nachdrücken zu müssen, so besteht dort Infraokklusion.


4. Lösung von Blockaden in Kiefergelenken

Meist resultieren Blockaden in den Kiefergelenken aus deren chronischer Kompression. Dabei ebnen sich überlastete Randwülste am Diskus ein, bis er aus dem Gelenkspalt gedrückt werden kann. Kann er wegen eines zu hohen intraartikulären Drucks nicht reponieren, so blockiert er je nach Richtung seiner Verlagerung bestimmte Bewegungen des Unterkiefers.

Die prinzipielle Behandlungsstrategie ist hier die Dekompression der Kiefergelenke. Dies kann auf zwei Wegen erreicht werden:

  • A. Lösung von chronischen Verspannungen in der Kaumuskulatur
  • B. Dehnung der Gelenkkapsel

Ersteres ist erreichbar durch Faszienmassage, Muskelmassage, TENS und spezifischen Übungen, speziell im Verbund mit Muscle Energy Techniken. All dies ist kompakt erklärt im Buch „Erste Hilfe bei CMD.

Dabei kann es besser sein, in mehreren kleinen Schritten vorzugehen, als zu versuchen, eine komplette Deblockierung in einer besonders intensiven Behandlungssitzung zu erzwingen. Folgende Dehnübung kann der Patient leicht auch selbst zuhause regelmäßig durchführen:

  • a) Mit einem FreeBite Therapiekissen zwischen den Zähnen sitzt man an einem Tisch, auf dem man die Ellenbogen bequem aufstützen kann.
  • b) Man umfasst eine Hand mit der anderen, legt die etwas nach vorn geschobene Kinnspitze auf die Knöchel der oberen Hand und lässt das Gewicht des Kopfes darauf ruhen.
  • c) Nun entspannt man die Elevatoren soweit man kann. Gelingt dies, so verspürt man einen milden Zug im Bereich der Kiefergelenke. Ggf. kann man die Entspannung der Elevatoren unterstützen, indem man die Mundöffner ganz wenig anspannt.
  • d) Man behält diesen Zustand eine Minute bei, richtet sich gerade auf, schiebt den Unterkiefer nach anterior, öffnet ihn und bewegt ihn anschließend lockernd nach links und rechts, bevor man die Dehnübung noch zweimal wiederholt.


5. Vorbereitung für die Bissnahme

  • 1) FreeBite wie oben unter 3a) beschrieben einlegen
  • 2) Patient in einem Sessel o. ä. bequem lagern, sodass der Kopf gestützt und der Nacken entspannt ist. 
  • 3) Bei Nacken- oder Schulterverspannungen nach Bedarf ein Heißpack auflegen.
  • 4) Der Patient kaut locker 5-20 Minuten lang auf dem FreeBite, öffnet zwischendurch den Mund weit und darf gerne auch links, rechts oder anterior verschoben kauen, wie oben unter 3b) erklärt, soll sich jedoch hauptsächlich darauf konzentrieren, zwischen den Kauschlägen die Kaumuskulatur immer wieder so weit als möglich zu entspannen.
  • 5) Sobald sich der Erstkontakt wie unter 3d) beschrieben nicht mehr weiter verändert, ist die Vorbereitung zur Bissregistrierung abgeschlossen. Mit dem FreeBite kann dies bereits nach wenigen Minuten soweit sein, dauert meist aber nicht länger als 20 Minuten.
  • 6) Bissnahme durchführen, evtl. mehrmals, um deren Konstanz vergleichen zu können.

Spezifische Vorgehensweisen für die Bissnahme sind auch im Bite Blog unter „Bissnahme bei CMD“ beschrieben. 

Kompression der Kiefergelenke durch die Verspannung von Kaumuskeln
Übung zur sanften Kapseldehnung mit dem FreeBite